Von "Wet Markets" bis "We feed the World"

 

Eine einheitliche Grenzziehung gibt es nicht.

Man braucht nur "China Wet Market" in die Google-Bildersuche eingeben und wird schon mit den "schrecklichsten" Anblicken überschüttet. Vor dem Essen ist das natürlich nicht zu empfehlen - auch nicht unmittelbar danach sealed

Aber diese "wet markets" oder direkt übersetzt "Nassmärkte" sind nicht das Problem. Sie sind mit unseren Metzgereien vergleichbar, wo es eben auch kein kein Trocken- sondern Frischfleisch gibt.

Nochmal anders sieht es dann bei den "live animal markets" oder "wildlife markets" aus, also auf "Lebendtiermärkten" und "Wildfang-Tiermärkten" (meist auch lebend). Da gibt es nichts, was es nicht gibt. Dass die Tiere lebend angeliefert und vor Ort geschlachtet werden, hat einfach den Hintergrund, dass es sowas wie Kühllaster, Kühlhäuser oder Kühltheken, wenn überhaupt nur in den Supermärkten oder Edelrestaurants gibt. Die jedoch sind nur den oberen Zehntausend, den renomierten Geschäftsleuten und betuchten Touristen zugänglich. Das normale Fußvolk muss sich auf den "Wet Markets" versorgen.

Sobald einem Tier das Fell oder die Federn entfernt sind, ist von der ganzen vorherigen Quälerei kaum mehr was zu erkennen. Es ist ein Lebensmittel geworden. Es ist nur eine Frage der Gewohnheit! Nicht nur in manchen Gegenden Chinas ist z.B. Hunde- oder Katzenfleisch genauso selbstverständlich, wie bei uns Rehrücken oder Lammkotelett. In der tratitionellen chinesischen Medizin (z.B. Nahrung als Arznei) zählt Hund und Katze zu den "wärmenden" Speisen (ausgleichend bei Yin-Krankheiten), weshalb sie vorallem in den kälteren Jahreszeiten beliebt sind. So wie es bei uns auch Schweinemastbetriebe gibt, gibt es in China auch Hunde- und Katzenmastfarmen, die aber den "Bedarf" nicht ausreichend decken können. Häufig handelt es sich um eingefangene Haustiere oder Streuner.

Ein kleines Gruselkabinett: Achtung - der Klick auf diesen Link könnte Ihre Gefühle aufwühlen oder verletzen!

Wie wir für gewöhnlich darauf reagieren zeigt z.B. ein "Skandal in Italien - TV-Koch empfiehlt gebratene Katze".

 

Was für unsere Augen besonder schwer zu ertragen ist, dass "lebende Tiere" sozusagen den direkten Ersatz für unsere unterbrechungsfreien Kühlketten darstellen. Solange das Tier noch atmet und lebt, ist es frisch. Die Lebend-Waren werden in kleinen - oft viel zu kleinen - Gitterkäfigen transportiert und gelagert. Vermutlich der Grund, warum die asiatische Mentalität keinerlei Empfindsamkeit gegenüber einem Lebewesen und dessen Leiden zu kennen scheint. Tierwohl? - Fehlanzeige! Es ist schlicht und einfach für Sentmentalitäten dieser Art kein Platz und auch keine Zeit zu geben. Vielleicht als Erklärungsversuch für solche Grausamkeiten: Die Chinesen scheinen gegenüber Schlachttieren - diesen Lebewesen - noch weniger Empfindungen zu haben, als wir so manchem Roboter entgegen bringen: "Human Robot Interaction - Pepper".

Aber geht es in unseren Großschlachtereien, sowie in der Massentierzucht und bei Viehtransporten - d.h. in unseren eigenen "Wet Spots" wirklich so viel anders zu? Die Abstumpfung, die Verrohung? Auch das ist für unsere Augen schwer zu ertragen! Also am besten die Augen schließen und verträngen. 

Doch was uns selbst zu denken geben sollte: Wir schauen sogar weg, wenn Tiere geschlachtet werden, denen es gut gegangen ist. Etwa auf Betrieben mit artgerechter Haltung oder als umherziehende Herde. Lammfleisch z.B. zählt zu dem für uns Gewohnten. Auch die Lämmchen sind ja so süß und possierlich - aber auch die müssen geschlachtet werden, bevor sie als Kotelett auf dem Grill landen können.

Oder die Weihnachtsgans, bevor sie in die Bratröhre geschoben werden kann.

Genau dazu gibt es ein interessantes Sozialexperiment, das das Team von Quarks zusammen mit dem Landwirt Nikolas Weber durchgeführt hat: Sozusagen einen "Life-Animal"-Marktstand mitten im Herzen von Köln!

Experiment: So reagieren Passanten aufs Tiere-Schlachten | Quarks
Aus dem Inhalt:

»Menschen aus der ganzen Umgebung kommen in Webers Hofladen, um Eier, Obst und Gemüse zu kaufen. Und Fleisch - aus eigener Aufzucht und Schlachtung.

Weber: "Also wir halten hier an Tieren nur Schweine und Geflügel. Wir haben insgesamt sieben, bzw. acht verschiedene Geflügelsorten. Das Geflügel wird hier ausschließlich auf unserem Hof selbst geschlachtet, einmal pro Woche, und kann dann in unserem Hofladen erworben werden."

Bekannt ist Bauer Weber aber vorallem für seine Gänse. Von Mai bis Dezember leben bis zu 700 Tiere frei auf den großen Wiesen rund um den Hof.

Weber: "Wichtig bei unserer Tierhaltung ist - und das können unsere Kunden auch täglich erleben hier - dass unsere Tiere artgerecht gehalten werden, dass sie große Ausläufe haben, dass sie auf Stroh laufen und dass sie keine Medikamente bekommen."

...

Ein winterlicher Samstag-Morgen. Heute passiert etwas, was Nikolas Weber noch nie gemacht hat!

Diese zehn Gänse wird er nicht wie eigentlich vorgesehen auf seinem Hof schlachten. Sondern auf einem Marktstand in einer Fußgängerzone.

Mit den Gänsen im Hänger geht es ins 70 Kilometer entfernte Köln.

9 Uhr - Ankunft in der Innenstadt. Unser Team beginnt mit dem Aufbau des Marktstand's. Noch ist in der Fußgängerzone nicht viel los.

Aber das wird sich gleich ändern! Samstags ist die Innenstadt immer brechend voll und es ist das erste mal, dass in einer deutschen Fußgängerzone lebende Tiere verkauft und geschlachtet werden sollen.

Am späten Vormittag ist der Stand fasst fertig. Jetzt muss Nikolas Weber nur noch die Schlachtgeräte aufbauen.

Mit diesem Elektroschockgerät werden die Gänse später betäubt. Danach wird der Kopf abgeschnitten. Die Gänse bluten aus und kommen in einen Kessel mit 70° heißem Wasser. Dort werden sie gebrüht und anschließend gerupft.

Samstagmittag - zunächst sind die Gänse noch eine kleine Attraktion - doch allmählich werden die Passanten skeptisch.

...

Die meisten Passanten können nicht glauben, dass diese Gänse tatsächlich geschlachtet werden sollen.

...

Es wird ernst! Mitarbeiter Dirk spielt den Marktschreier und preist die Wahre an: "Frische Gänse...!"

...

Nach ca. 20 Minuten findet sich der erste Käufer.

...

Jetzt passiert es! Landwirt Nikolas Weber wählt eine Schlachtgans aus. Die Käufer wollen die Gans noch einmal lebend begutachten.

Dann beginnt der Landwirt mit der Schlachtung. Zuerst fixiert Niklolas Weber den Kopf der Gans im Elektro-Betäubungsgerät. Nach dem Knopfdruck fließt Strom durch das Tier - die Spannung beträgt 180 Volt. Mindestens 15 Sekunden dauert die vorschriftsmäßige Betäubung.

Erst wenn die Ganz vollständig betäubt ist, beginnt die eigentliche Schlachtung. Mit einem Messer schneidet der Schlachter dem Tier den Kopf ab.

Die Gans ist tot.

Noch einige Minuten blutet sie in dieser Position aus. Viele Passanten können nicht glauben, was sie sehen. Immer wieder reagieren während des Ausblutens noch Nerven des Tieres. Für einige Zuschauer nur schwer zu ertragen.

Die Gans wird gebrüht - das macht das Rupfen leichter.

Drei Mitarbeiter vom Ordnungsamt kommen an den Verkaufsstand. Eine öffentliche Tierschlachtung in der Fußgängerzone hatten sie noch nie.

...

Jetzt entfernt Nikolas Weber die Federn der Gans. Bei vielen Passanten herscht immer noch Fassunslosigkeit.

...

Passant: "Ich glaube es ist eine gute Aufklärung für viele Leute, die sonst vielleicht achtlos im Supermarkt an übervollen Theken vorbeigehen und sich irgendwas kaufen was schmeckt - was natürlich auch in Ordnung ist - aber dahinter steckt natürlich immer auch die Frage, wo kommt das her. Und das hier ist eine ehrliche Demonstration denk' ich mal.

Landwirt Weber ist mit dem Ergebnis des Experiments zufrieden: "Ich hab das hier gemacht, weil die Lebensmittelproduktion zu weit weg ist, vom Verbraucher. Und weil die Verbraucher sich auf Siegel - schöne Bilder - zurückversichern, die zu weit weg sind von der eigentlichen Urproduktion. Und ich möchte gerne zum Gespräch anregen und ich möchte gerne aufklären und zeigen wie wir's machen, weil wir haben nichts zu verstecken." «

Nach dem Tot der ersten Gans nimmt das Experiment eine "unerwartete Wendung".

»Weber: "Eigentlich wollten wir keine lebendigen Tiere verkaufen, weil wir nicht wissen, in welche Hände dass sie kommen und dass sie in gute Hände kommen."

...

Der Tierschutzverein Hofzeit hilft ...

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Werber: "Was passiert denn jetzt mit den Gänsen, die eine zweite Chance bekommen?"

Dagmar Gießler: "Die bekommen jetzt ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Zwei von den Gänsedamen ziehen zu einer Privatfamilie und die anderen sieben bleiben als Gruppe zusammen, mit Auslauf, Teich und Wiese - so wie sie es im Enteffekt ja auch haben, nur dass sie halt um den Schlachtraum drumherum kommen."

Weber: "Drotzdem muss ich mir die Frage stellen, warum rettet man neun Tiere, denen es gut gegangen ist und warum rettet man nicht die 3 Euro 99 pro Kilogramm Hafermastgänse aus Polen, die es ja eigentlich deutlich mehr gebraucht hätten?

Die "unerwartete Wendung" - ein Internet-Hype - ist schon beinahe belustigend: Die Welt ist nun um neun glückliche Gänse reicher! Oder um elf - oder vielleicht sogar noch mehr!? Aber hat das nicht nur eine Alibifunktion? Die das "Gefühl" heraufbeschwören soll, die Welt ein bisschen besser gemacht zu haben?

Mutet es nicht etwas sonderbar an, dass gerade derjenige, der für uns den Akt des Schlachten übernimmt, von Tierwohl spricht? Nämlich der Landwirt, der die Gänse auf seinem Bauernhof hegt und pflegt - für eine artgerechte Haltung sorgt - und dann durch eigene Schlachtung diese der vorgesehenen Verwendung zuführt - nämlich zu unserem Verzehr?

 

Was bedeutet die Schlüsselfrage: "die es ja eigentlich deutlich mehr gebraucht hätten?"

Eine offene - eine berechtigte, tiefgründige, ehrliche Frage!

Wer Mastgänse im Discounter für zehn Euro kauft, muss sich im Klaren sein: diese Preise sind quersubventioniert. Durch tierquälerische erzeugte Daunen und Stopfleber. Der Fachausdruck für das "Stopfen" ist: "Nudeln": https:/de.wikipedia.org/wiki/Nudeln_(Mast)

Dem Textausschnitt aus dem folgenden Link - Das Leiden osteuropäischer Mastgänse - ist nichts mehr hinzuzufügen:

"Preislich sind die Gänse aus Osteuropa ein echter "Knüller”. Doch dafür müssen die Tiere zu Lebzeiten zahlreiche Qualen erleiden. Denn für unsere Discounterpreise, rechnet sich die reine Gänsemast nicht. Tierquälerei und reichlich Medikamente gehören mit dazu, wenn wir uns den köstlichen Braten für ein paar Euro leisten."

Sogar sprachlos macht ein fragwürdiges KulturerbeStellungnahme des BV Tierschutz (Memento vom 19. November 2011 im Internet Archive) zur Erklärung der Stopfleber zum Kulturerbe in Frankreich:

"Die französischen Erzeuger der als Delikatesse angebotenen und verkauften Paté de foie gras – der Gänsestopfleber – dürfte der Beschluss des französischen Parlaments im Oktober 2005 gefreut haben. Das Parlament hat die Stopfleber zu einem in Frankreich geschützten kulturellen und gastronomischen Erbe erklärt und damit indirekt die tierquälerische Herstellung gebilligt und legalisiert."

 Und hier fällt einem schon beim Zuschauen das Schlucken schwer: Foie Gras entzweit Fankreich (Spiegel)

 

Die Aufnahmen des Sozialexperiments weiter oben wurden im Film dem Ernährungspsychologen Christoff Klotter gezeigt. Die Frage war: "Warum Menschen, die Tiere essen so ein Problem mit dem Anblick einer Schlachtung haben?"

»Klotter: "Das töten von Tieren wird hinter den Kulissen gelebt. Wir wollen nicht erleben, dass wir etwas töten und dann essen.  ...  Und das wollen wir nicht wahrhaben. Wenn sie sehen, wie das Fleisch im Supermarkt angeboten wird, dann ist es nur noch die Hähnchenbrust, die ist verpackt in Plastik und alles wie die Flügel oder die Füße, die werden nach Afrika exportiert. Wir wollen nicht wissen, dass das was wir essen irgendwann getötet worden ist.  ...  Wir wollen gute Menschen sein, moralisch einwandfreie Menschen sein, da gehört es nicht mehr dazu, dass wir etwas getötet haben."«

 

Ein Blick hinter diese Kulissen:

zdf.de Politik Frontal 21 Im Schlachthof: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/im-schlachthof-102.html

Und was daraus gemacht wird: Kalzium und Phosphat - Döner und Nuggets und Wir sind, was wir essen...  
 

Ein Dokumentarfilm zum Wachrütteln und Nachdenken: We Feed the World

Ein ruhiger, sachlicher, und gerade deswegen erschreckender Dokumentarfilm über Ernährung und Globalisierung, Fischer und Bauern, ...

Einen ersten Einblick gibt ein Trailer (3:15) auf YouTube: We Feed the World - Trailer - YouTube

Einen etwas längeren Trailer mit knapp 9 Minuten gibt es hier: https://vimeo.com/52000047

Der ganze Film:  WE FEED THE WORLD [ Deutsch | HQ | Doku | 95 Min. ]

Dazu noch das Filmheft der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (PDF; 1,8 MB)

Eines muss darüber hinaus noch klar sein: Der Film kam 2005, also zum jetzigen Zeitpunk (Mai 2020) vor 15 Jahren heraus!!!

15 Jahre!!! Hat sich seit dem etwas geändert? Wieviel Regenwald ist seit dem abgeholzt worden, um Platz zu schaffen für Profit aus Palmölplantagen, Viehweiden und Soja-Anbau?

Ist da das Resümee: »Heute stehen wir am Abgrund - morgen sind wir einen Schritt weiter!« ?


Um im Bezug auf Proteinversorgung noch eines draufzusetzen:

Pferdefleisch: Da scheiden sich nicht nur die Geister zwischen Pferde- und Hundeliebhabern...

Schon allein bei der Vorstellung, dass ein Pferd von einem Schlachter abgestochen wird, sträuben sich einem die Nackenhaare. Dabei zuschauen wollen und können sich wohl nur die Wehnigsten zumuten. Dennoch gibt es einen wieder anwachsenden Markt für Pferdefleisch, nicht nur deshalb, weil traditionell für den Rheinischen Sauerbraten Pferdefleisch verwendet wurde.

So wird Fury zu Gulasch und Steak verwurstet - Pferdemetzger...
https://www.welt.de/wirtschaft/article113685070/So-wird-Fury-zu-Gulasch-und-Steak-verwurstet.html

 

Hundefutter aus Pferdefleisch (Klein frisst groß):

https://www.billiger.de/categories/103049/56778-hundefutter-aus-pferdefleisch

Eine weitere erstaunliche Seite: "Das Tierhotel" klingt eigentlich erst mal nach einem Gnadenhof. Aber der Untertitel "Manufaktur für gesunde Tiernahrung" belehrt dann etwas anderes:

"Fellnasen" - ach wie schnuckelig: Pferdefleisch für allergische Hunde!?

So richtig markaber ist die Seite "5 Fakten zu: Pferdefleisch für Hunde" mit diesem Bild (Stand 08.05.2020):

Da kann man nur einen Klassiker von George Orwell anführen! Nein nicht das allgemein bekannte: "Nineteen Eighty-Four (1984)" - sondern: "Animal Farm (Farm der Tiere)".

Als Verfilmung gibt's dazu den sehenswerten und eindringlichen Zeichentrickfilm: "Aufstand der Tiere" (Trailer in Deutsch und anderer Trailer in Englisch).